Archives for January 2021

January 29, 2021 - Comments Off on 113 Architektur Fragen – Frage 2.5.

113 Architektur Fragen – Frage 2.5.

Welche Behörden beurteilen die Ästhetik eines Gebäudes? (Autor: Evgeni Gerginski)

Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden. Das war schon immer so und wird auch immer so bleiben. Damit es jedoch vor allem in dicht besiedelten Gebieten nicht zu einer Reizüberflutung beim Betrachten von Neubauten kommt, gibt es unterschiedliche Instanzen, die versuchen, ein stimmiges Bild im öffentlichen Raum zu bewahren. Bei historisch wertvollen Gebäuden bewerten andere Institutionen die ästhetische Bedeutung. In Österreich sind die Instanzen je nach Zuständigkeit die Gemeinden oder der Bund selbst. Daneben gibt es noch die UNESCO.

Die UNESCO identifiziert und schützt Kultur- und Naturdenkmäler von universellem Wert. Diese Stätten müssen mittels nationaler Maßnahmen (Ministerien BMK und BMKÖS) für
künftige Generationen erhalten bleiben. In Österreich gibt es derzeit 10 Welterbestätten
(Wien Innere Stadt, Hallstatt…). Der Bund ist mit dem Bundesdenkmalamt für Stätten verantwortlich, die einen nationalen Wert haben. Diese Einrichtungen sind im Denkmalverzeichnis aufgelistet, das laufend von Experten erweitert wird. Besitzt jemand
so ein Gebäude, benötigt er für fast jede Veränderung eine Genehmigung. In den Bundesländern gibt es die Ortsbildkommissionen mit ihren Sachverständigen und in Wien die Magistratsabteilung für Architektur und Stadtgestaltung (MA 19). Die Gemeinden legen mittels Verordnungen die gestalterischen Rahmenbedingungen fest, indem sie zum Beispiel Dachneigungen und Materialien vorgeben. Mittels Schutzzonen können generelle Bestimmungen für ganze Straßenzüge festgelegt werden.

In reinen Einfamilienhaus-Siedlungen und wenn das Haus nicht gerade an einer exponierten Stelle oder in einer Gemeinde mit hohem architektonischem Anspruch
liegt, besteht allerdings ein noch größerer Gestaltungsfreiraum.

Im speziellen Fall Wien entscheidet die MA 19 mit ihren fachkundigen Referent*innen, ob sich ein Gebäude ins Stadtbild einfügt oder nicht. Dabei ist entscheidend, was vom öffentlichen Raum sichtbar ist. Selbst bei Einfamilienhäusern, die von der Straße gut sichtbar sind, muss das Einverständnis für die äußere Gestaltung bei der MA 19 eingeholt werden.

Da wo noch kein Stadtbild vorhanden ist – also in den Entwicklungsgebieten – sind die architektonischen Einschränkungen moderater.

Einen Spezialfall bilden die kleinen “gallischen Dörfer”, auch Kleingartensiedlungen genannt, wo quasi gestalterische Narrenfreiheit herrscht und keine ästhetischen Ansprüche an die Häuser gestellt werden. So kommt es dazu, dass neben dem DIY-Haus ein Architekturjuwel steht. Der Farb- und Formwelt in diesem Konglomerat sind keine Grenzen gesetzt. Da hilft es nur, den Zaun um diese Siedlungen so hoch und blickdicht wie möglich zu machen, denn oft sind sie mittlerweile mitten im urbanen Umfeld…

January 28, 2021 - Comments Off on 113 Architektur Fragen – Frage 2.4.

113 Architektur Fragen – Frage 2.4.

Wozu gibt es den Begriff „Ortsbild“ oder „örtliches Stadtbild“? (Autor: Andreas Hawlik)

Das „Ortsbild“ oder „örtliche Stadtbild“ ist jenes Erscheinungsbild der gebauten Siedlung, das wir innerhalb eines wahrnehmbaren Bereichs als ein zusammenhängendes Ganzes empfinden.

Mit dem Begriff des „Ortsbilds“ oder des „Stadtbilds“, begann man sich bewusst im 19. Jahrhundert zu beschäftigen. Während in Zeiten des Barocks absolutistische Systeme groß angelegten Städtebau betrieben, entstand gemeinsam mit den romantischen Strömungen in der Kunst und Architektur ein Bewusstsein für das kulturelle Erbe. Über den Denkmalschutz hinausgehend, fand der Wert des Alltäglichen als Teil unserer Kultur Beachtung.

Die kulturelle Besonderheit liegt nun aber darin, dass das „Ortsbild“ oder „Stadtbild“ keine rein private Angelegenheit ist, sondern eine öffentliche. Wir Architekt*innen tragen mit den von uns geplanten Gebäuden zum allgemeinen Erscheinungsbild des öffentlichen Raums bei. Daher trifft uns die besondere Verantwortung, sich mit diesem Thema bewusst auseinanderzusetzen.

Das Ortsbild ist nicht nur öffentlich, sondern auch langlebig. Ein „Ortsbild“ entsteht nicht von heute auf morgen, sondern setzt sich aus der Summe der Architekturen unterschiedlicher Gebäude zusammen, die in der Regel in einer zeitlichen Abfolge von Jahren oder Jahrzehnten, im historischen Kontext auch Jahrhunderten errichtet wurden. Das vorhandene Ortsbild kann, aber muss nicht erhaltenswert sein. Ein beabsichtigtes Ortsbild kann in einem Leitbild oder einer Gestaltungssatzung festgelegt sein und manchmal dauert es Jahrzehnte, bis das Beabsichtigte das Vorhandene abgelöst hat. Zwischenzeitlich kann diese Gestaltungsabsicht
auch schon wieder überholt sein.

Eine solche krasse Kehrtwende vollzog sich beispielsweise, als die Nachkriegs-Moderne von der Postmoderne abgelöst wurde. Das Ideal einer historischen, kompakten Stadt bestehend aus Gassen, Straßen und Plätzen schwingt auch heute im Städtebau laufend mit und zielt darauf ab, öffentliche Räume zu
schaffen, in denen wir uns als Mensch geborgen und unserem Kulturkreis entsprechend zu
Hause fühlen.

Neben den Gebäuden bestimmt besonders die Gestaltung des öffentlichen Raums das Ortsbild. Der wahrgenommene Raum setzt sich aus Fassaden, Dächern und der
„Benutzeroberfläche“ zusammen. Materialität, Stadtmöblierung und Begrünung leisten einen ganz wesentlichen Beitrag zum Stadtbild.

Lediglich der Himmel entzieht sich in den allermeisten Fällen unserem Gestaltungswillen – wer weiß, wie lange noch?

January 16, 2021 - Comments Off on 113 Architektur Fragen – Frage 2.3.

113 Architektur Fragen – Frage 2.3.

Ist Ästhetik universal oder regional? (Autor: Evgeni Gerginski)

Die Antwort ist: beides!

Der Begriff an sich ist keine Konstante, sondern wird von der Geschichte geprägt und kulturell immer wieder anders ausgelegt. Ursprünglich kommt er– wie denn auch sonst - aus dem Altgriechischen „aisthesis“, der mit „Empfindung“ oder „Wahrnehmung“ übersetzt werden kann, und beschreibt die Lehre des sinnlichen Betrachtens. In anderen Kulturen, wie der fernöstlichen, hat sich seit dem Ende des 19. Jahrhundert der Begriff „bimyogaku“ etabliert, was so viel bedeutet wie „Die Lehre des Schönen“. Es gibt damit einen klaren
Unterschied in den Bedeutungen.

Somit kann davon ausgegangen werden, dass die Schwerpunkte der Ästhetik je nach Kultur anders gesetzt werden. Im indischen Raum zählt Architektur, Musik und Poesie zu den Hauptkünsten, in Japan hingegen die buddhistische Welterfahrung. In China werden sogar Musiker*innen mit Politiker*innen gleichgesetzt.

Um Ästhetik zu verstehen und zu empfinden, ist das lose Betrachten zu wenig. Es sind Kenntnisse der jeweiligen Kultur unabdingbar. Der westliche Betrachter sucht in der Regel
immer die Symmetrie und Ordnung, die in der chinesischen Kunst zwar vorhanden ist, aber
erst durch Hintergrundwissen sichtbar werden.

Trotz der unterschiedlichen Sichtweisen auf das Schöne verbreitete sich zu Beginn des 20. Jhdt. der Internationalismusin der Architektur. Diese Strömung des klassischen Modernismus setzt sich über Landes- und Kulturgrenzen mit seinen funktionalen und minimalistischen Ansätzen durch. Somit kann gesagt werden, dass es Formen und
Proportionen gibt, die im menschlichen Gehirn allgemein Reize auslösen, welche auf einer
universellen Schönheit beruhen. Vermutlich trug die gestiegene Mobilität und somit das Bestreben nach einheitlichen Normen zu dieser Entwicklung bei.

Wissenschaftler*innen vom Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik haben sich mit der Frage nach der universellen Schönheit näher beschäftigt und interessante Erkenntnisse im menschlichen Gehirn gewonnen: Die Areale, welche für die visuelle Verarbeitung
verantwortlich sind, haben wenig Aktivitätsmuster gezeigt. Hingegen gab es beim sogenannten Default-Mode-Netzwerk (Region für Tagträumen, geistige Abschaltung, Analysen und Ruhezustand) überraschend bei allen Proband*innen ähnliche Aktivitätsmuster für die als schön empfundenen Bilder.

Wir sind auf die nächsten Forschungsergebnisse zur universellen Ästhetik gespannt!

January 14, 2021 - Comments Off on 113 Architektur Fragen – Frage 2.2.

113 Architektur Fragen – Frage 2.2.

Was ist Ästhetik? (Autor: Armin Abdel-Kader)

Ästhetik ist ein allgemein geläufiger Begriff.

Im alltäglichen Sprachgebrauch wird Ästhetik mit wohlproportionierter, gefälliger, stilvoller Gestaltung gleichgesetzt.

In Kunst und Architektur entwickelte sich aus der Ästhetik als umfassender Lehre vom sinnlich Wahrnehmbaren das Konzept einer Lehre vom Schönen. Getrieben vom Versuch, das ästhetische Empfinden zu kategorisieren, in geometrisch konstruierten Proportionen zu fassen und es reproduzierbar zu machen. In Wechselwirkung mit neuen Technologien und
Bauformen wandelte sich auch das ästhetische Empfinden.

Ästhetik kommuniziert dabei die stilistischen Vorstellungen einer Gesellschaft von der Art und Weise das Leben zu führen, und wird zum Zeichen von Kultur und Kultiviertheit. In der Architektur entwickelte sich daraus die Überzeugung, dass die ästhetische Gestaltung von Lebensräumen ein wesentlicher Beitrag zur Lebensqualität der Nutzer*innen ist. Die Ästhetik an und für sich bekommt damit eine Funktion zugeordnet.

Sorgfältig, umsichtig und wertschätzend gestaltete Lebensräume werden die Nutzer*innen anregen, an der Freude, mit der die Gebäude und Freiräume gestaltet wurden, teilzuhaben. Was gefällt und Freude bereitet, was man gerne und oft nutzen möchte, wird man auch pflegen, um es zu bewahren.

Ästhetik schafft einen emotionalen Bezug und leistet damit einen Beitrag zur Nachhaltigkeit. Ästhetik macht den Unterschied zwischen “etwas nutzen sollen” und “etwas nutzen wollen”.

January 11, 2021 - Comments Off on 113 Architektur Fragen – Frage 2.1.

113 Architektur Fragen – Frage 2.1.

Was besagt der Goldene Schnitt? (Autorin: Krisztina Adamy)

Der Goldene Schnitt war bereits in der griechischen Antike bekannt und ist bei architektonischen Merkmalen wie zum Beispiel am Parthenon Tempel an der Akropolis in Athen zu beobachten. Mathematisch wird das Teilungsverhältniseiner Strecke als Goldener Schnitt bezeichnet, bei dem das Verhältnis des Ganzen zu seinem größeren Teil dem Verhältnis des Größeren zum kleineren Teil gleich ist.

In der Natur findet sich die „göttliche Proportion“ wieder: Die spiralige Schale eines Schneckenhauses oder die Anordnung der Blätter einer Blume richten sich nach dem Goldenen Schnitt. Auch in der Kunst wird der Effekt der "perfekten" Proportion immer wieder bewusst angewendet. So findet sich dieser beispielsweise auch im wohl berühmtesten Gemälde der Welt - der Mona Lisa.

Wie wird aber in der Architektur der modernen Zeit der goldene Schnitt angewendet?
Die Wirkung der Proportionen bei zum Beispiel einer Gebäudefassade auf den Beobachter sind unterschiedlich: Wenn die Verhältnisse der Elemente zueinander dem Goldenen Schnitt entsprechen, wirkt es für den Betrachter ruhig, schön und ästhetisch. Ist eine unruhige, bewusst spannende Wirkung angestrebt, müssen ausgewogene Verhältnisse geschaffen werden.

Symmetrische, mittige Anordnung kann „zu ruhig“ oder in manchen Fällen sogar „langweilig“ wirken. Die Kombination all dieser Wirkungen bewirkt dann ein interessantes