January 28, 2021 - Comments Off on 113 Architektur Fragen – Frage 2.4.

113 Architektur Fragen – Frage 2.4.

Wozu gibt es den Begriff „Ortsbild“ oder „örtliches Stadtbild“? (Autor: Andreas Hawlik)

Das „Ortsbild“ oder „örtliche Stadtbild“ ist jenes Erscheinungsbild der gebauten Siedlung, das wir innerhalb eines wahrnehmbaren Bereichs als ein zusammenhängendes Ganzes empfinden.

Mit dem Begriff des „Ortsbilds“ oder des „Stadtbilds“, begann man sich bewusst im 19. Jahrhundert zu beschäftigen. Während in Zeiten des Barocks absolutistische Systeme groß angelegten Städtebau betrieben, entstand gemeinsam mit den romantischen Strömungen in der Kunst und Architektur ein Bewusstsein für das kulturelle Erbe. Über den Denkmalschutz hinausgehend, fand der Wert des Alltäglichen als Teil unserer Kultur Beachtung.

Die kulturelle Besonderheit liegt nun aber darin, dass das „Ortsbild“ oder „Stadtbild“ keine rein private Angelegenheit ist, sondern eine öffentliche. Wir Architekt*innen tragen mit den von uns geplanten Gebäuden zum allgemeinen Erscheinungsbild des öffentlichen Raums bei. Daher trifft uns die besondere Verantwortung, sich mit diesem Thema bewusst auseinanderzusetzen.

Das Ortsbild ist nicht nur öffentlich, sondern auch langlebig. Ein „Ortsbild“ entsteht nicht von heute auf morgen, sondern setzt sich aus der Summe der Architekturen unterschiedlicher Gebäude zusammen, die in der Regel in einer zeitlichen Abfolge von Jahren oder Jahrzehnten, im historischen Kontext auch Jahrhunderten errichtet wurden. Das vorhandene Ortsbild kann, aber muss nicht erhaltenswert sein. Ein beabsichtigtes Ortsbild kann in einem Leitbild oder einer Gestaltungssatzung festgelegt sein und manchmal dauert es Jahrzehnte, bis das Beabsichtigte das Vorhandene abgelöst hat. Zwischenzeitlich kann diese Gestaltungsabsicht
auch schon wieder überholt sein.

Eine solche krasse Kehrtwende vollzog sich beispielsweise, als die Nachkriegs-Moderne von der Postmoderne abgelöst wurde. Das Ideal einer historischen, kompakten Stadt bestehend aus Gassen, Straßen und Plätzen schwingt auch heute im Städtebau laufend mit und zielt darauf ab, öffentliche Räume zu
schaffen, in denen wir uns als Mensch geborgen und unserem Kulturkreis entsprechend zu
Hause fühlen.

Neben den Gebäuden bestimmt besonders die Gestaltung des öffentlichen Raums das Ortsbild. Der wahrgenommene Raum setzt sich aus Fassaden, Dächern und der
„Benutzeroberfläche“ zusammen. Materialität, Stadtmöblierung und Begrünung leisten einen ganz wesentlichen Beitrag zum Stadtbild.

Lediglich der Himmel entzieht sich in den allermeisten Fällen unserem Gestaltungswillen – wer weiß, wie lange noch?

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